Multiple Sklerose: Bis ans Limit

Sport verbessert nicht nur Merkfähigkeit und Konzentration, er stabilisiert offenbar auch das Immunsystem. Davon profitieren auch Menschen mit MS, wie eine neue Studie von Wissenschaftlern der Deutschen Sporthochschule zeigt. Mit einer bestimmten Trainingsmethode erzielen sie besonders erstaunliche Erfolge.

Forscher an der Deutschen Sporthochschule Köln wollen besser verstehen, wie sich Sport auf Multiple Sklerose auswirkt. In einer ersten Studie untersuchten sie MS-spezifische Marker im Blutserum von Probanden, die auf eine Entzündungsaktivität im Gehirn hinweisen. Die nervenschädigenden Entzündungen werden zum Teil durch fehlgeleitete Abwehrzellen ausgelöst, die aus dem Blutkreislauf ins Gehirn eindringen und die Schutzschicht der Hirnzellen angreifen. Es stellte sich heraus, dass regelmäßiger Sport die schützende Blut-Hirn-Schranke weniger durchlässig für schädigende Abwehrzellen macht.

In der aktuellen Studie gehen die Forscher einen Schritt weiter. »Wir messen anhand von Blutproben, ob die Entzündung nach einer Trainingsphase tatsächlich zurückgeht«, sagt Dr. Dr. Philipp Zimmer, Sportmediziner an der Deutschen Sporthochschule Köln. Dafür zählt sein Laborteam die regulatorischen T-Immunzellen im Blut. Sie halten das Immunsystem unter Kontrolle. Eine frühere Studie mit gesunden Teilnehmenden hatte gezeigt, dass ein Ausdauertraining mit eingebauten Sprints die Anzahl der regulatorischen T-Zellen erhöht. Auf diesen Hinweisen bauen die Forscher nun auf.

Vollgas auf dem Ergometer

Zentrales Element der neuen Studie ist das hochintensive Intervalltraining auf dem Fahrrad-Ergometer. Wie es sich auswirkt, haben die Kölner Forscher an 57 MS-Patienten in den Reha-Kliniken Valens in der Schweiz untersucht. Eine Hälfte der Patienten gab an drei Tagen in der Woche innerhalb einer halben Stunde drei bis fünf Mal für jeweils eine Minute Vollgas – so lange, bis 95 Prozent der maximalen Herzfrequenz erreicht waren. Die andere Hälfte der Probanden radelte täglich eine halbe Stunde in gemäßigtem Tempo. Alle Blutproben werden derzeit in dem Kölner Labor der Sporthochschule ausgewertet. Im ersten Halbjahr 2020 sollen die Ergebnisse vorliegen.

Erste positive Effekte seien bereits jetzt zu beobachten, sagt der Sportwissenschaftler Dr. Jens Bansi, der die Studienteilnehmer an den Kliniken Valens betreut hat: »Im Intervalltraining haben alle Gruppenmitglieder ihre Kondition innerhalb von drei Wochen deutlicher verbessert als die moderaten Sportler. Sie waren auch motivierter, weil ihnen jede Trainingseinheit neue Fortschritte brachte.« Die ersten Erfahrungen mit MS-Patienten passen zum allgemeinen Stand der Erkenntnisse, sagt Bansi: »Dass sich mit intensivem Intervalltraining rund 20 Prozent mehr Leistungsaufbau in der Hälfte der Trainingszeit erreichen lässt, wissen wir aus Studien mit Sportlern.« Wer so trainiere, habe von wenigen Malen Intervalltraining pro Woche mehr als von einmal moderatem Ausdauersport pro Tag.

Unerwünschte Nebenwirkungen seien im Verlauf der Studie nicht aufgetreten, betont der Chef-Neurologe der Kliniken Valens, Dr. Roman Gonzenbach: »Bisher hat das hochintensive Intervalltraining keinen Schub ausgelöst und bei keinem Patienten ist es zu einer Verschlechterung der MS gekommen.«

Die Komfortzone verlassen

Ist das Power-Training generell Menschen mit MS zu empfehlen? Pauschal sei das nicht zu beantworten, sagt Jens Bansi. Ob das Training erfolgreich verlaufe, hänge von vielen Faktoren ab. Als sehr wirksam habe sich in der Studie der Ansporn eines Trainers erwiesen – er forderte die Probanden auf, bis an ihre Leistungsgrenze zu gehen. Auch mit programmierten Fitness-Armbändern (Wearables) und Online-Coaching seien zunächst recht gute Erfolge zu erzielen, sagt der Sportwissenschaftler, doch erfahrungsgemäß gingen Motivation und Leistung nach wenigen Wochen zurück.

Auch ohne festes Sportprogramm könne man viel für ein stabiles Immunsystem tun, sagt Jens Bansi. Wichtig sei, sich im Alltag immer wieder körperlich zu fordern. Etwa beim Spaziergang eine Minute lang so schnell wie möglich marschieren, Treppen steigen oder auf dem Heimtrainer aus der Puste kommen. Insgesamt sollten 150 Minuten an sportlicher Bewegung pro Woche zusammenkommen. Nur ein akuter Schub sei ein Grund, nicht zu trainieren.

Wichtig ist ein früher Beginn

Ausschließlich um den längerfristigen Nutzen des hochintensiven Intervalltrainings geht es in einer weiteren Studie der Kölner Sporthochschule. Dabei steht auch die Alltagstauglichkeit eines solchen Programms auf dem Prüfstand. Drei Monate lang gehen rund 80 MS-Patienten in ausgesuchte Kölner Fitnessstudios und machen neben dem Power-Training auch Übungen zum Kraftaufbau. Ihre Entzündungsmarker werden regelmäßig kontrolliert. »Wir gehen davon aus, dass ein frühzeitiger Trainingsbeginn, am besten direkt nach der Diagnose, das Fortschreiten der Krankheit aufhalten oder zumindest verlangsamen kann«, sagt Studienleiter Philipp Zimmer. Ob sich seine Hypothese bestätigt, werden die Laborergebnisse zeigen. Mit einer Veröffentlichung ist frühestens im Herbst zu rechnen.

An der Deutschen Sporthochschule läuft derzeit eine Online-Umfrage. Philipp Zimmer möchte von Menschen mit MS wissen, welche Symptome und Einschränkungen sie haben und wie viel sie sich bewegen. Die Auskünfte sollen – in anonymer Form – die Ergebnisse der neuen Studien ergänzen. Für die Umfrage werden noch Teilnehmer gesucht. Wer mitmachen möchte, kann den Fragenkatalog per E-Mail anfordern bei p.zimmer@dshs-koeln.de.